Kategorie-Archiv: Fahrzeugbriefe – Historisches zu Flitzern, Karren und wahren Zauber-Schlitten

Der Opel 4 – 12 PS

In der Fabrikhalle der Opelwerke feiert man im Frühjahr 1924 das erste Exemplar eines kleinen, grünen Autos. Der brandneue “Opel Vier Strich Zwölf“ markiert ein historisches Datum: Es ist das erste deutsche Auto, das am Fließband produziert wird. Der 4-12 ist ein Kleinwagen für den Alltag.

Der Opel 4-12 ist mit 4.500 Reichsmark zwar nicht billig, aber erschwinglich. Opel nennt ihn das “Auto für Jedermann”. Bis dahin waren Autos teuer, groß und schwarz – ein Luxus ausschließlich für Reiche. Durch die Produktion am Fließband erschließt sich Opel eine neue Käuferschicht.

Der kleine, grüne 4-12 wird das erste Auto für den deutschen Mittelstand. Der Volksmund nennt ihn liebevoll “Laubfrosch”. Doch nicht jeder ist vom Kleinwagen begeistert. In Frankreich wirft man Opel vor, dass der grüne Laubfrosch ein Plagiat des zitronengelben Citroen 5 CV ist. Mühevoll kann sich Opel vor Gericht vom Plagiatsvorwurf befreien. Doch der Verdacht, dass der grüne deutsche eigentlich ein gelber Franzose ist, hält sich bis heute. Und auch heute noch heißt es: “Das ist dasselbe in grün”:

Der VW Bulli

Ein Käfer Fahrgestell, über dem Heckmotor eine Fahrerbank und eine riesige Ladefläche: 1947 sieht der holländische Autohändler Ben Pon dieses primitive Fahrzeug ausgerechnet in den VW-Werken. Dass Volkswagen vorwiegend einfache Autos produziert, weiß Pon: Er importiert den Käfer in die Niederlande. Doch dieses rollende Improvisorium fasziniert den Holländer. Ben Pon zückt sein Notizbuch, skizziert das seltsame Chassis und zeichnet ein großes Gehäuse mit abgerundeten Ecken darüber. VW-Chef Helmut Nordhoff wirft ein Blick auf das Gekrakel und weiß sofort: Der Transporter ist wie gemacht für Deutschland in Zeiten des Wirtschaftswunders.

1948 erteilt Nordhoff den Auftrag zur Konstruktion, ein Jahr später geht der VW Typ 29 in Serie. Keiner bei VW ahnt, dass dies die Geburt einer automobilen Legende ist.

Der bullige Lieferwagen begeistert Obsthändler, Malermeister und Tischler. Уyp 29 mit der geteilten Frontscheibe hilft dem Wirtschaftswunder und dem bundesdeutschen Bürgertum auf die Sprünge. Und in den späten 60ern begeistern sich auch Hippies und Blumenkinder für die deutsche Wertarbeit: Außen kann man den Bus bunt bemalen, innen bietet er soviel Platz, dass er gleich für mehrere Sommer der Liebe taugt. So hat der T 29 selbst viele Nachkommen gezeugt – und VW nennt diese heute У 5 oder Мultivan . Doch beim Volk hat der Wagen seit Ende der 40er Jahre denselben Spitznamen: Die praktische Mischung aus Bus und Lieferwagen heißt: Bulli.

Volvo 1800 ES

Im Jahr 1967 sitzt Jan Wilsgaard vor seinem Skizzenblock und zeichnet. Der 42-jährige Chefdesigner der schwedischen Automobilmarke Volvo soll etwas retten, was eigentlich nicht mehr zu retten ist: Das Volvo Sportcoupé P 1800. Das Modell hinkt der Zeit hinterher und soll gründlich runderneuert werden.

Vor allem über die Heckpartie des veralteten Sportcoupés soll Wilsgaard sich Gedanken machen. Volvo-Boss Gunnar Engellau verlangt einen ungewöhnlich großen Kofferraum, in dem sich bequem eine komplette Golfausrüstung unterbringen lässt. Grund für die ungewöhnliche Vorgabe ist die anstehende Steuererhöhung für Sportwagen in den USA.

Jan Wilsgaard lässt sich etwas Einzigartiges einfallen. Er ersetzt das alte Heck des Sportcoupés durch eine langgezogene durchsichtige Kuppel. Ein besonderer Blickfang ist dabei die große Heckklappe, die komplett aus Glas gefertigt ist. Als der Sportkombi 1800 ES im August 1971 der Öffentlichkeit vorgestellt wird, sorgt vor allem die gläserne Heckklappe für reichlich Gesprächsstoff. Sie ist es, die dem neuen Volvo-Modell zu seinem Spitznamen verhilft, unter dem es allgemeine Berühmtheit erlangt: ‚Schneewittchensarg’.

Der Fiat 500

Der kleinwüchsige Aristoteles Onassis bittet den übergewichtigen Winston Churchill einzusteigen. Der Fiat, der den schwerreichen griechischen Reeder und den ehemaligen englischen Premier an diesem Tag des Jahres 1959 zu Onassis’ Yacht bringen soll, ist 2 Meter 97 kurz und 470 Kilo leicht. – Zwar ist dieser Fiat 500 gerade mal seit zwei Jahren auf dem Markt, doch der italienische Blech-Zwerg ist südlich der Alpen Ende der 50er Jahre bereits Kult.

Die Fiat Werke stellen 1957 den 500er als Nachfolger des legendären Topolino vor. Das Auto soll für jedermann erschwinglich sein. Ein niedriger Preis, eine spartanische Ausstattung und gerade mal 13 PS genügen zur Mobilmachung des gesamten Mittelmeerraumes. Weder der arme Pizzabäcker in Palermo, noch Miltimillionär Onassis erwarten vom Fiat 500 Konfort. Der Zwerg bietet für gerade mal 3.290 Mark nur das Allernötigste.

Bis 1976 verlassen 3,7 Millionen 500er das Fiat Werk in Turin. Heute ist der Fiat 500 eine kuriose Rarität, denn viele Exemplare leiden unter legendärem Rostfraß ab Werk. Selbst die Autos auf den Katalog-Bildern hatten schon Roststellen. Das tut seiner Beliebtheit keinen Abbruch: Heute kostet ein Original aus den Fünfzigern bis zu 10.000 Euro. – Und der Kult überlebt: Im Oktober 2007 kam eine Neuauflage des legendären Cinquecento in die Autohäuser…

Der BMW X5

Die schwerbewaffneten Polizisten erhalten das Signal ihres Einsatzleiters. Mit Sturmgewehren im Anschlag stürmen sie den heruntergekommen Schuppen. Die Razzia Ende 2005 in der mazedonischen Stadt Debar soll einen Ring von Menschenschmugglern zerschlagen. Doch die Beamten finden keine Verbrecher. Stattdessen stoßen sie auf einen verlassenen BMW. Es ist ein X5, der Luxusgeländewagen aus Bayern.

In Mazedonien meldet sich der Besitzer des gestohlenen X5 nicht. Also wird der BMW der Regierung übergeben. Weil der 130.000 Euro teure Luxusschlitten gepanzert ist, wird er sofort als Dienstwagen an die Außenministerin Gordana Jankulovska weitergereicht. Dass der Fuhrpark der mazedonischen Regierung zum Teil aus Diebesgut besteht, stört auf dem Balkan niemanden.

Doch der mobile Luxus der Außenmisterin währt nur ein Jahr. Im April 2007 meldet sich der Besitzer aus dem fernen Spanien: David Beckham. Die Außenministerin möchte den Wagenschlüssel am liebsten gleich wieder zurückgeben – persönlich. Doch Beckham ist mit seinem Umzug nach Los Angeles beschäftigt. Für den Wechsel erhält er 190 Millionen Dollar. Ob er da noch die Zeit findet, für einen gerade mal 130.000 Euro teuren BMW nach Mazedonien zu reisen, ist fraglich. Beckhams BMW wird wohl auf dem Balkan bleiben.

KTM X-Bow (Cross-Bow)

Im Jahr 2006 plant man bei KTM Großes. Der österreichische Motorradhersteller ist in der Vergangenheit vor allem als Produzent puristischer Cross- und Enduromaschinen in Erscheinung getreten. Doch nun wollen die Manager von KTM auch die Automobilbranche aufmischen. Ein Sportwagen, der das Enduro-Feeling auf vier Räder überträgt, soll dabei helfen.

Das Auto, das daraufhin vom österreichischen Design-Büro Kiska entworfen wird, ähnelt folgerichtig mehr einem vierrädrigen Motorrad. Das ultraflache Design-Monster beschleunigt von Null auf Hundert in weniger als vier Sekunden. Auf Türen und Dach muss der unerschrockene Fahrer verzichten. Die Windschutzscheibe ist knappe sieben Zentimeter hoch – gerade hoch genug, um eine lästige Helmpflicht zu umgehen. Dennoch rät KTM den Käufern des ‚X-Bow’ genannten Gefährts, einen Helm bei zukünftigen Ausfahrten vorsichtshalber mitzunehmen.

Auch auf Airbags oder ABS müssen ‚X-Bow’ – Enthusiasten verzichten. Doch immerhin erlegt sich KTM eine ‚Freiwillige Selbstkontrolle’ auf: Nur Fahrer, die das 24. Lebensjahr vollendet haben, dürfen das Motorrad auf vier Rädern erwerben. Zudem muss sich jeder Käufer verpflichten, ein Fahrsicherheitstraining zu absolvieren. Vielleicht sind das zu viele Pflichten für freiheitsliebende Geschwindigkeits-Freaks. Im Sommer 2009 wird die Produktion des ‚X-Bows’ nach nur einem Jahr gestoppt.

Der erste Volvo – Volvo ÖV 4

Hilmer Johannson, der Chefingenieur der noch jungen Firma Volvo, lauscht dem zuverlässigen Brummen des Vierzylinder-Motors, legt den ersten Vorwärtsgang ein, schaut nach vorne, gibt Gas – und fährt rückwärts! Im Göteburger Volvo Werk bricht Panik aus, denn an diesem frühen Aprilmorgen des Jahres 1927 wollen die Schweden ihren Erstling der wartenden Autopresse vorführen. Nur noch wenige Minuten bleiben bis zur wichtigen Präsentation. Mit dem sogenannten „ÖV4“ wollen die Firmengründer Larson und Gabrielsson ein schwedisches Auto verkaufen, das auch bei widrigster Witterung zuverlässig fährt – und nicht nur rückwärts.

Der Volvo-Erstling wird umgehend auseinander genommen – und der Fehler beseitigt: das Getriebe war verkehrt herum eingebaut. Pünktlich um zehn Uhr rollt der Prototyp in die richtige Richtung vor die Fachpresse. Der Fototermin wird ein voller Erfolg. Doch wirtschaftlich gerät der „ÖV 4“ zum Desaster. Nur 297 Schweden wollen den ersten Volvo kaufen.

Erst 20 Jahre später rollt Volvo auf Erfolgskurs: Nach dem Rückwärtsdesaster von 1927 geht es ab 1947 rasend schnell vorwärts. Schon nach wenigen Jahren gelten Volvos als die sichersten und zuverlässigsten Autos der Welt – bis heute. Und wenn man will, kann mit ihnen auch rückwärts fahren…