Kategorie-Archiv: Fahrzeugbriefe – Historisches zu Flitzern, Karren und wahren Zauber-Schlitten

VW Golf GTI

VW Versuchsingenieur Alfons Löwenberg steht in seiner Küche, schmiert ein paar Schnittchen und holt Biere aus dem Kühlschrank. Löwenberg hat den Entwicklungsschef, den Pressechef und einige andere Kollegen von VW zu Besuch. Man trifft sich privat, denn die Gruppe plant ein Geheimprojekt. Sie wollen VW vom Bild des biederen, vernünftigen Autobauers befreien und neue Käufer ansprechen. Ihr Ziel: eine sportliche Version des VW Golf.

Die geheime Arbeitsgruppe „Sportgolf“ stattet zunächst einen tiefergelegten Prototyp mit frisiertem Motor und einem ofenrohrgroßen Auspuff aus. Das Ergebnis ist ohrenbetäubend. Die zweite Version fällt zahmer aus, ähnelt aber um so mehr einem Rennwagen: größere Kotflügel, rote Streifen am Kühlergrill, die Reifen breiter als beim Porsche und ein Golfball auf dem Schalthebel.

Die Konzernführung reagiert skeptisch. Zunächst kommt der Wagen 1976 als Sonderauflage von nur 5000 Stück auf den Markt. Doch der Rennzwerg wird VW förmlich aus den Händen gerissen. Unterschiedlicher könnten die Käufer kaum sein: Der reiche Vater kauft ihn seinem Sohn zum Jurastudium, der Designer will ihn in elegantem Schwarz haben, und die tiefergelegte Proletenversion hat Subwoofer und Kenwood Aufkleber. Eineinhalb Millionen Exemplare wurden bis heute verkauft. Und alle Besitzer lieben ihren Sportgolf wegen jener legendären drei Buchstaben: GTI

BMW 525d touring

25 grün-graue BMWs stehen in strenger V-Formation vor dem Brandenburger Tor. An diesem 18. Dezember 2002 werden sie symbolisch der Berliner Polizei übergeben. Die brandneuen Kombis vom Typ BMW „5-25d Touring“sehen rasant aus: Mit ihren 175 PS und 220 Stundenkilometer Spitze können sie schneller am Einsatzort ankommen als die veralteten VW-Einsatzbusse. Deshalb haben die Berliner Ordnungshüter insgesamt 100 BMWs geleast.

Die neuen BMWs sollen für mehr Sicherheit auf den Berliner Straßen sorgen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Soviel PS unter der Haube sind die Beamten nicht gewohnt. Bis 2005 werden 499 Einsatzwagen in Karambolagen verwickelt. Bei 376 Unfällen sind die Ordnungshüter selber schuld.

Die Reparaturen verschlingen mehr als 600.000 Euro. 21 der neuen BMWs müssen wegen Totalschaden gar ausgemustert werden. 2005 wird der Leasingvertrag mit BMW beendet. Im September werden stattdessen 170 VW Touran in Dienst gestellt.

Der Polizeisprecher begründet die Wahl mit günstigeren Preisen und höherer Umweltfreundlichkeit. Dass PS-Zahl und Geschwindigkeit weit unter denen des BMW liegen, ist laut der Berliner Polizei keinGrund für die Neuanschaffung.

Peugeot 403

Der Schauspieler Peter Falk steht inmitten Hunderter von Autos auf dem Fuhrpark der Universal Studios in Los Angeles. Er soll sich 1971 ein Auto aussuchen, dass zu seiner Rolle als Inspector Columbo passt: symphatisch-verwahrlost und liebenswert schlampig. Doch Falk wird nicht fündig. Schon will er den Platz verlassen, da fällt ihm zwischen den amerikanischen Hochglanzlimousinen ein blaugraues, verwittertes Cabriolet auf. Peter Falk verliebt sich sofort in den 1959er Peugeot 403.

Der Peugeot 403 wird einer der wichtigsten Darsteller in der Serie „Columbo“. Die Produzenten achten darauf, dass das Cabriolet schön schmuddelig bleibt, damit es zu Columbos altem Trenchcoat und seiner stinkenden Zigarre passt. Doch nach den Dreharbeiten wird der Peugeot mit Samthandschuhen angefasst. Zu den unterschiedlichen Drehorten wird er nicht gefahren, sondern vorsichtig transportiert. Peugeot hat zwar viele 403er produziert, aber nur 504 Cabriolets – eines davon gehört Universal Pictures.

Der 403er war von 1955 bis 1967 eines der erfolgreichsten Modelle von Peugoet. Aber dass er noch heute bekannt ist, verdankt er weniger seinen automobilen Qalitäten, sondern einem schusseligen, einäugigen Fernsehpolizisten.

Opel Manta

Charles Jordan, der Autodesigner von Opel, soll Ende der 60er Jahre ein sportliches Coupé als Antwort auf den Ford Capri entwickeln. Der Name steht schon fest: Manta. Jordan lässt sich von Jacques Cousteaus Unterwasseraufnahmen von flachen, eleganten Mantarochen inspirieren. Jordan entwirft einen flachen, sportlichen Wagen mit klaren Linien, langer Motorhaube und charakteristischem Heck. Der Opel Manta ist geboren.

Der “Rochen aus Rüsselsheim” wird erstmals 1970 präsentiert und ist von Anfang an ein Erfolg. Er ist erschwinglich und Opel bietet preiswert umfangreiches Zubehör an. Doch nachdem 1975 das Nachfolgemodell Manta-B vom Band rollt, tauchen getunte Mantas auf, die von dem eleganten Original sehr weit entfernt sind. Sie sind tiefergelegt, haben Seitenstreifen, wirkungslose Plastikspoiler und baumelnde Fuchsschwänze. Das ist zwar gut für den Umsatz, aber schlecht für das Image von Opel. Die ersten Witze über Goldkettchenträger mit blonden Friseusen machen die Runde.

Opels Designerauto geht als “Prollkarre” in die Firmengeschichte ein.
Auch 35 Jahre nach dem ersten Manta ist mit diesem Auto das Image von Opel als Proletenmarke verknüpft. Die Konzernführung betont noch heute, dass man bei Opel nie einen Fuchsschwanz bestellen konnte.

Die Mercedes A-Klasse

Für die zwei schwedischen Testfahrer ist der Elchtest ein Routinemanöver. 1997 wollen sie den Elchtest bei mittlerer Geschwindigkeit mit dem brandneuen Mercedes der A-Klasse durchführen. Doch plötzlich trägt es den Mercedes aus der Kurve. Bei 60 km/h kippt er um. Glas splittert und zerschneidet einem der Insassen das Gesicht.

Bei DaimlerChrysler herrscht Panik. Erst drei Tage vor dem Test wurde die A-Klasse mit einem nie dagewesenen Werbeaufwand vorgestellt. Und nun hat der Elchtest eine Lachnummer daraus gemacht. Die Aktien sinken schlagartig um 14%. Konzernchef Jürgen Schrempp setzt eine Task Force Gruppe ein, die nach Feierabend oft bis 3 Uhr morgens konferiert. Neun Tage nach dem Debakel verkündet Schrempp umfangreiche Nachrüstungen; u.a. das elektronisches Stabilitätsprogramm ESP. Zugleich startet er eine offensive PR-Kampagne, um das verlorene Kundenvertrauen wieder zu gewinnen. Schon Anfang 1998 sind die Sympathiewerte für Daimler so hoch wie nie.

Die nachgerüsteten Autos kippen nicht mehr um. Die A-Klasse wird zu einer der erfolgreichsten Baureihen von DaimlerChrysler. Und die Elchkrise geht als Musterbeipiel für gelungenes Krisenmanagement in die Lehrbücher der Betriebswirtschaft ein.

Ford Taunus

Jackie Stewart ist meistens von weiblichen Fans und schnittigen Rennwagen umgeben. Doch heute hat die Formel 1 Legende brav Gattin und Kinder um sich geschart. 1970 macht Stewart ein Fotoshooting mit der kompletten Familie, um für ein kantiges, biederes Familienauto zu werben: Den Ford Taunus. Der Taunus sorgt vor allem in der Bundesrepublik für Aufsehen.

Die Mischung aus Rennsport und Familientauglichkeit trifft den Nerv der Siebziger Jahre. In Deutschland kauft fast der gesamte Mittelstand den Wagen, der nach einem hessischen Gebirgszug benannt ist. Doch die Begeisterung hält nicht lange an. Der Taunus fährt sich schwammig, die Verarbeitung ist miserabel, der Komfort gering. 1971 verleiht der ADAC dem Taunus die Auszeichnung „Silberne Zitrone“ als schlechteste Neuerscheinung des Jahres.

Trotzdem verkauft sich der Taunus allein in Deutschland 2,7 Millionen Mal. Über 10 Jahre lang prägt der Taunus das Straßenbild der Bundesrepublik. Bis Ford die hessische Bergkette buchstäblich in die Wüste schickt: 1982 wird der Taunus durch den Ford Sierra ersetzt.

Citroën CX Prestige

Erich Honecker freut sich auf seine neue Luxus-Staatslimousine: Den brandneuen Citroën „CX Prestige“. Mit 1,5 Tonnen, fünf Metern und 130 PS ist der „CX“ ein repräsentatives Auto. Citroën liefert prompt – jedoch erst nach Schweden, denn dort wird der Wagen zur Staatskarrosse getunt. Doch Schweden weigert sich, Autos an die DDR auszuführen.

Honecker wartet lange auf seinen mobilen Traum. Ein hoher DDR- Staatsfunktionär muss den Citroën persönlich abholen. Endlich kann Honecker die berühmte hydropneumatische Federung auf DDR-Straßen genießen. Der Citroën mit Blaulicht und Standarten ist so leise, dass Honecker die Fernbedienung seines Blaupunkt HiFi Radios kaum braucht. Vor allem die elektrischen Fensterheber begeistern den ehemaligen FDJ-Vorsitzenden: jederzeit kann er Kinder- und Pioniergruppen zuwinken. Honecker besteht darauf, in einer ungepanzerten Linousine zu fahren.

Über die schwedisch-ostdeutschen Zollstreitereien sind jedoch vier Jahre vergangen. Mittlerweile ist es Sommer 1989. Honecker kann den Citroën nicht lange genießen. Im Oktober tritt er als Generalsekretär zurück und flieht wenig später nach Moskau. Seinen Citroën CX muss er zurücklassen.